Rezension „Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry“ – Rachel Joyce

Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry - CoverSpontane Entschlüsse waren Harolds Sache nicht. Das war ihm durchaus bewusst. Seit seiner Pensionierung vergingen die Tage in immer gleicher Einförmigkeit, außer dass sein Bauch dicker und sein Haar dünner wurde. Nachts schlief er schlecht oder manchmal überhaupt nicht. Schneller als gedacht gelangte er zum nächsten Briefkasten, und wieder hielt er inne. Er hatte etwas begonnen, was er selbst nicht durchschaute, war aber nicht bereit, mittendrin aufzuhören. Schweißperlen standen ihm auf der Stirn, sein Blut pochte ahnungsvoll. Wenn er seinen Brief zur Post in der Fore Street brächte, dann käme er garantiert morgen an.

Inhalt:

Ein Tag, der ganz normal begann, nimmt für den älteren Herrn Harold Fry eine ungewöhnliche Wendung, als er einen Brief von seiner alten Freundin Queenie erhält. Sie teilt ihm mit, dass sie krank ist und nicht mehr lange zu leben hat. Harold, der das Gefühl hat, sein ganzes Leben irgendwie vermurkst zu haben, beschließt, endlich etwas Gutes zu tun und Queenie zu retten, indem er zu Fuß von Kingsbridge nach Berwick upon Tweed läuft, um Queenie ein letztes Mal zu besuchen. So, wie er ist, mit Segelschuhen und nichts weiter als einer Plastiktüte, macht er sich auf den Weg. Im Laufe der Zeit lernt der Leser zusammen mit Harold einiges über diesen kauzigen Charakter und wieso er zu dem wurde, was er heute ist.

Meine Meinung:

Plot und Erzähltechnik: Das hier ist kein actiongeladenes Buch, in dem alle fünf Sekunden etwas passiert. Es geht viel mehr um Harolds Reise in sein Innerstes und wie er versucht, mit seinen Fehlern und Entscheidungen umzugehen. Genau das spiegelt auch der Schreibstil wieder. Joyce legt viel Wert auf detailreiche Beschreibungen, sowohl der Umgebung als auch von Harolds Gefühlen und Gedanken. Trotzdem gibt es immer wieder überraschende Wendungen im Buch, die keine Langeweile aufkommen lassen.

Geschrieben ist das Ganze aus der dritten Person, abwechselnd fokussiert auf Harolds Frau Maureen und Harold selbst, so dass die Geschichte der beiden sich schließlich aus diesen beiden Blickpunkten zusammensetzt und man als Leser versteht, warum die beiden Charaktere sich so entwickelt haben.

Charaktere:

Harold ist ein kauziger älterer Mann, der sich selbst als absoluten Verlierer sieht. Immer wieder zweifelt er an sich selbst und an seinen Fähigkeiten und scheint lange nicht den Mut aufzubringen, wirklich etwas aus seinem Leben zu machen. Je mehr man von seinem Hintergrund erfährt, desto besser versteht man ihn als Leser allerdings.

Maureen ist Harolds Ehefrau. Am Anfang des Buches ist sie eindeutig eine Antisympathieträgerin. Herrisch, verschlossen und irgendwie einfach gemein. Aber auch was sie betrifft, entfaltet sich die Geschichte und damit ihre Motivation je weiter man liest, bis man sie gegen Ende richtig lieb gewinnt.

Queenie ist eigentlich das ganze Buch hindurch nur eine abstrakte Idee. Der Leser lernt sie lediglich durch Harolds Erinnerungen kennen … bis ganz zum Schluss.

Sprache: Vom Stil her erinnert mich das Buch ein wenig an Benjamin Button. Es ist sehr philosophisch, aber nicht abgehoben oder unverständlich geschrieben. Eine wunderbare Geschichte zum Eintauchen, die vom Sprachstil und nicht von der Action getragen wird.

Fazit: Eine hoffnungsvolle Geschichte, die einen schon nach ein paar Seiten in seinen Bann zieht. Ich habe selten ein Buch gelesen, in dem die Charaktere so detailliert ausgearbeitet sind. Ein Buch, das zum Nachdenken anregt, aber den Leser gleichzeitig zufrieden zurücklässt.

Deshalb gibt es für „ Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry“ 5 von 5 Federkielen:

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