Rezension „Nr. 365 – Die Lichtbringer“ – Sabrina Wolv

Cover Nr. 365 - Die LichtbringerEr lag reglos auf dem Bett in seiner Zelle. Schlimmer noch als die Langeweile war die Ungewissheit. Er wusste nicht, wie lange er schon festgehalten wurde. Er wusste nicht, was draußen vor sich ging. Er hatte keine Ahnung, was mit seinen Freunden passiert war oder was die Armee mit ihm vorhatte. In seinen Träumen erschienen in letzter Zeit neben den altbekannten Bildern neue. Bilder davon, was die Uniformierten mit ihm machen würde, wenn sie ihn schließlich holten.

“Nr. 365 – Die Lichtbringer” ist der Debutroman von Sabrina Wolv. Außerdem hatte ich die große Ehre, dieses Buch im Rahmen meines Praktikums beim el Gato Verlagshaus zu betreuen, was mir unglaublich viel Spaß gemacht hat. Heute möchte ich es euch vorstellen und verraten, was euch erwartet.

Inhalt

Der Protagonist Strudel hält es einfach nicht mehr aus. Sein Onkel schlägt und missbraucht ihn – eines Tages bringt Strudel ihn, bei dem Versuch, sich selbst zu verteidigen um. Damit fängt allerdings der eigentliche Stress erst an, denn Strudel, der übrigens zu Beginn der Geschichte gerade einmal zarte sechs Jahre alt ist, wird in die Akademie gesteckt. Eine paramilitärische Einrichtung in einer postapokalyptischen Welt. Viele Präfixe, hm? Strudels Welt ist eine Stadt unter einer Kuppel. Der Rest der Welt ist zerstört, bis auf einige Rebellen außerhalb der Kuppel, die natürlich nicht außen vor sein wollen und dementsprechend versuchen, reinzukommen. Was wiederum die Leute unter der Kuppel stört. Man kennt das …

Um die Rebellen zu bekämpfen soll Strudel zusammen mit Hunderten anderer Kinder in der Akademie der Lichtbringer zum Soldaten ausgebildet werden. Die Mittel dafür sind äußerst brutal – wenn ein Kind bei den Übungen stirbt? Kollateralschaden! Namen? Gibt es nicht; die Kinder werden auf Nummern reduziert. Zum Glück findet Strudel schnell Freunde: der intelligente Finan, der etwas ältere Simon, der für Strudel wie ein großer Bruder ist, die resolute Canina, die sich freiwillig für die Akademie gemeldet hat … Zusammen versuchen sie den täglichen Schrecken zu trotzen, und zwar über Jahre hinweg. Das Buch begleitet Strudel und seine Freunde durch ihre gesamte Jugend, während das Training immer härter wird und langsam anfängt, auch die Persönlichkeiten der Kinder zu verändern.

Aber das ist nicht alles. Neben den Folter- und Ausbildungsmethoden geht noch etwas anderes in der Akademie vor sich. Irgendein dunkles Geheimnis wird von den ranghöchsten Offizieren gewahrt und jeder Versuch es zu lüften, könnte für die Kinder mit dem Tod enden.

Meine Meinung

Plot und Erzähltechnik: Die Geschichte wird aus der dritten Person erzählt, wobei es auch regelmäßige Einschübe aus der Sichtweise einer weiteren Person gibt. Der Leser weiß dabei allerdings bis zum Schluss nicht, wer genau da zu ihm spricht. Ein interessantes Mittel, um die Spannung zu steigern und gleichzeitig einen mysteriösen Touch einzuweben.

Der Plot der Geschichte ist nichts für schwache Nerven. Es geht um Kindersoldaten und die Art und Weise wie sie in der Akademie ausgebildet werden, ist durchaus an die Wahrheit angelehnt, denn die Autorin arbeitet selbst mit ehemaligen Kindersoldaten.

Wolv schafft es darüber hinaus, durch viel Detailarbeit eine wirklich düstere und bedrückende Welt zu erschaffen, in der der einzige Lichtschimmer die Freundschaft der Kinder zueinander ist. Sie beschreibt Kampfsituationen genauso echt, wie die karge Ausrüstung innerhalb der Akademie und selbst, wenn sie von futuristischen Waffen berichtet, kann man sich als Leser genau vorstellen, wie diese aussehen könnten. Ich hab ja sowieso ein heimlichen Faible für Dystopien und in dieser hier vereinen sich viele Elemente, die ich schätze: Junge Protagonisten, Zusammenhalt, futuristische, detaillierte Welten, düstere Geheimnisse und der Gedanke, dass längst nicht alles ist, wie es scheint.

Charaktere: Eins vorweg: Es gibt viele! Anfangs ist es etwas schwierig, sich alle zu merken und auseinanderzuhalten, aber man kommt rein. Besonders weil die Autorin die Namen unermüdlich immer wieder einfließen lässt – auch in Verbindung mit der jeweiligen Nummer, die den Kindern in der Akademie verliehen wird. Ich konzentriere mich hier auf die, meiner Meinung nach, wichtigsten Figuren.

Strudel – Nr. 365: Ich hab ja immer so meine Probleme mit Protagonisten. Meine Ansprüche sind da glaube ich ziemlich hoch. Dementsprechend bin ich auch mit Strudel am Anfang nicht ganz warm geworden. Er wirkte auf mich zwar nicht unnahbar, aber irgendwie unzugänglich. Er ist sehr in sich zurückgezogen, was man auch irgendwie verstehen kann, wenn man die Umstände bedenkt (Onkel umgebracht, Kindersoldat in Ausbildung usw.). Im Laufe des Buches entwickelt er sich jedoch zu einem wirklich mutigen Jugendlichen, der seine wahre Stärke zu entdecken beginnt und anfängt für sich einzustehen.

Finan – Nr. 420: Finan mochte ich sofort. Er ist der intelligente Bücherwurm, der für jedes Problem eine Lösung parat hat. Dementsprechend fungiert er als Superhirn in der Truppe um Strudel und auch teilweise als Stimme der Vernunft. Obwohl er dabei so unglaublich lieb ist, kann man ihn sich gut, als Soldat vorstellen, der im Hintergrund die Fäden zieht, um seine Leute zum Sieg zu bringen. Finan hätte ich nur ungerne als Feind.

Simon – Nr. 23: Simon ist schon länger in der Akademie als alle anderen. Dementsprechend ist er auch älter als Strudel und Co. und versucht stets, die anderen zu schützen; vor den Ausbildern oder sich selbst. Obwohl Simon zu Beginn des Buches auch noch ein Kind ist, wirkt er viel älter. In der Akademie gilt er als Vorzeigesoldat – seine Loyalität scheint jedoch anderswo zu liegen.

Canina – Nr. 451: Mit Canina hatte ich zu Beginn die größten Schwierigkeiten. Sie hat sich freiwillig für den Dienst in der Akademie gemeldet, ist auch ansonsten eher abweisend und arrogant den anderen gegenüber und stets bestrebt, die perfekte Soldatin zu sein. Mit der Zeit bröckelt ihre Fassade jedoch und sie wird zugänglich – und gleichzeitig sympathisch, da man versteht, warum sie sich so verhält, wie sie es tut.

Sprache: Die von Wolv gewählte Sprache ist sehr passend für ihre Geschichte. Genial gelöst hat sie auch die Darstellung des Erwachsenwerdens der Kinder durch Sprache. Kriegt Strudel am Anfang kaum ein Wort hervor, so werden seine Sätze mit Fortschreiten des Buches immer länger und eloquenter. Die kurzen, prägnanten Sätze die Wolv oft für Beschreibungen wählt, geben der Geschichte Pepp und lassen keine Langatmigkeit aufkommen.

Fazit: Dass die Lichtbringer der erste Teil einer Reihe ist, habe ich erst relativ spät erfahren und war daher zwischendurch oft ein wenig verwirrt, weil einige Sachen nicht komplett aufgelöst wurden in diesem Buch. Insgesamt ist es ein bombastisches Debut mit einer gleichermaßen erschreckenden wie intelligent ausgearbeiteten Welt und vielschichtigen, interessanten Charakteren. Für Dystopie-Fans ein Muss.

Deshalb gibt es für „Nr. 365 – Die Lichtbringer“ 5 von 5 Federkielen:

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