Rezension: „Delirium – amor deliria nervosa“ – Lauren Oliver

Cover-Delirium
Quelle: Carlsen Verlag

Mehrere Monate vor ihrem geplanten Eingriff bekam meine Schwester Deliria. […] Thomas brach ihr natürlich das Herz, was niemanden überraschte. […] Daraufhin lag meine Schwester ununterbrochen im Bett und tat nichts weiter, als die Schatten zu beobachten, die langsam über die Wände zogen, während sich die Rippen unter ihrer blassen Haut abzeichneten wie Holz, das aus dem Wasser ragt. […]

An jenem Nachmittag begann ich die Monate bis zu meinem Eingriff zu zählen, obwohl es noch fast ein Jahrzehnt hin war.

 

 

 

 

„Delirium“ ist der erste Band der Amor-Trilogie der US-amerikanischen Autorin Lauren Oliver

Inhalt

Portland irgendwann in der Zukunft. Die einst so verrückte und lebensfrohe Stadt im Nordwesten der USA ist kaum wieder zuerkennen. Es geht jetzt gesittet zu – geordnet. Die Krankheit, die der Menschheit jahrtausendelang zu schaffen machte und fast zu deren Ausrottung führte, ist endlich besiegt: Amor deliria nervosa. Im Volksmund auch bekannt als: Liebe! Sobald ein Mensch volljährig wird, unterzieht er sich dem Eingriff und lebt fortan glücklich und ausgeglichen. Lena kann es kaum erwarten. Seit sie ein Kleinkind war, quält sie sich mit Unsicherheit und Albträumen. Ihre Mutter stürzte sich von einer Klippe, als Lena 5 Jahre alt war. Jetzt sind es nur noch 95 Tage – dann ist das alles bloß noch verblasste Erinnerung. Als der Tag ihrer Operation jedoch näher rückt, passieren ungewöhnliche Dinge in Lenas Umfeld. Ihre beste Freundin verhält sich seltsam, geht zu nicht genehmigten Parties, hört schrille Musik – und riskiert damit ihr Leben. Denn die Ordnungshüter achten streng darauf, dass die Liebe in Amerika nicht erneut ausbrechen kann. Als Lena dann auch noch dem geheimnisvollen Alex begegnet, wird ihr Glaube in den Grundfesten erschüttert. Sie hat zwar Todesangst vor der Krankheit und den Aufsehern, aber Alex weiß etwas über die Vergangenheit von Lenas Mutter. Das könnte alles verändern!

Meine Meinung

Plot und Erzähltechnik: „Delirium“ wird aus Lenas Sicht erzählt und ist dementsprechend in der Ich-Perspektive geschrieben. Ich finde, das ist schlau gewählt. Gerade bei Dystopien, wie wir hier eine haben, ist es interessant und für die Spannung enorm wichtig, dass der Leser weiß, was in unserem Protagonisten vor sich geht. Diese Welt, die so ganz anders ist als die, die wir kennen, wird uns durch Lenas Sichtweise näher gebracht. 

Bemerkenswert finde ich, dass Oliver nicht nur die Story des Buches erfunden hat, sondern noch eine ganze Menge drumherum. So gibt es am Anfang jedes Kapitels einen Auszug aus „bekannten Kinderreimen“ der neuen Welt oder dem „Buch Psst“, das eine Art Doktrin und Lehrbuch über die Deliria und die neue Weltordnung darstellt. Die Religionsschrift der Geheilten quasi. Diese Ausschnitte lassen den Leser schaudern. Sie bringen die Brutalität der neuen Welt auf den Punkt, gleichzeitig kann man sich aber vorstellen, wie leicht die Leute durch diese Schriften manipuliert werden könnten. Genial gemacht.

Mit dem Plot an sich wurde das Rad natürlich nicht neu erfunden. Wir kennen Dystopien, bei denen die Wurzel allen Übels in menschlichen Emotionen liegt spätestens seit „Brave New World“. Oder, um die audiovisuellen Medien nicht außen vor zu lassen (und wer möchte Christian Bale jemals außen vor lassen???!!!) seit „Equilibrium“. Man muss allerdings auch sagen: Eigentlich wurde fast jede Geschichte schon mal irgendwann, irgendwie, irgendwo erzählt. Viel mehr kommt es doch darauf an, der Story einen persönlichen Touch zu geben. Und das hat Oliver geschafft. Gerade die Wahl einer weiblichen Protagonistin, die der Leser kennenlernt, bevor sie „geheilt“ wird, ist interessant. Sie ist gleichzeitig mitten in der Geschichte und doch irgendwie außen vor. Sie blickt von außen drauf und ermöglicht dem Leser dasselbe. 

Natürlich kommt auch die klassische Liebesgeschichte nicht zu kurz. Verliebtheit, die als böse dargestellt wird – ungewöhnlich und cool. Ansonsten – leider *schnarch*. 

Der Spannungsbogen ist mir generell etwas zu flach und langgezogen. Die Teile, in denen nichts passiert und stattdessen lang und breit die Beziehung zwischen Lena und Alex erläutert wird, sind mir zu langatmig und die kurzen Haarsträubeeffekte dazwischen zu kurz und vorhersehbar. Das große Geheimnis um die Mutter schließlich – schockierend, aber es wirft mehr Fragen auf, als es beantwortet, was aber vermutlich beabsichtigt ist. 

Das große Finale ist mir dann auch eher etwas zu klein. Ohne zu viel zu spoilern, aber ich hatte das Gefühl, dass hier auf Biegen und Brechen noch Dramatik eingebaut werden sollte, die nicht hätte sein müssen – aus storysicht. Es kommt ein wenig so rüber, als sollte alle Spannung, die im restlichen Buch fehlt, am Ende auf zwanzig Seiten gepresst werden, was – zumindest für mich – nicht funktioniert und mich daher emotional auch nur ein wenig aufrüttelt. 

Charaktere: Da ist zunächst Lena, die Protagonistin. Beschrieben wird sie als ein eher unscheinbares Mädchen, weder hübsch noch hässlich, das nur eine richtig gute Freundin hat. Geplagt vom Tod ihrer Mutter lebt sie in ständigen Selbstzweifeln, die erst besser werden, als sie Alex kennenlernt. Dann wandelt sie sich plötzlich von der braven, regelkonformen Musterschülerin zur Rebellin mit fast  schon aggressiven Zügen. Diesen Dreh finde ich ein weeenig extrem, erst Recht wenn man bedenkt, dass das Buch gerade mal eine Zeitspanne von weniger als 3 Monaten umfasst. Aber gut, es sind ja auch extreme Umstände, in denen Lena sich wiederfindet.

Hana ist Lenas beste Freundin und rundum perfekt: Sie ist schön, sportlich, intelligent und reich. Na – klingelt’s? Genau! Perfekte Charaktere sind langweilig. Zum Glück passiert das mit Hana aber nicht. Sie fängt an zu rebellieren, wehrt sich gegen das System – was sie aber irgendwie noch perfekter macht- und hmpf. Am Ende muss man sie aber einfach lieb haben, auch wegen des tragischen Schicksals, dass ihre Freundschaft zu Lena ereilt. 

Alex ist cool. Er gehört zu den Rebellen, er weckt die verschlafene Lena auf, er ist mutig und darüber hinaus auch noch romantisch. Zum Glück hat er seine düstere Vergangenheit, sonst könnte er glatt aus der Feder von Disney stammen. 

Sprache: Die Sprache passt zu einem 17-jährigen Mädchen und Lauren Oliver schafft es, dass neue graue Portland so zu beschreiben, dass man auf keinen Fall jemals dorthin möchte. Für Portland eine beachtliche Leistung. Das Buch liest sich flüssig und geschmeidig. Mir sind keine groben Schnitzer aufgefallen. Wobei hier ja auch immer ein Dank an die Übersetzer gehen muss, also: Danke Katharina Diestelmeyer!

Fazit: Ich liebe Dystopien! Leider lag mir hier der Fokus ein wenig zu stark auf der Liebesgeschichte und nicht genug auf der alternativen Gesellschaft. Ich werde Band 2 und 3 trotzdem lesen, denn ich will Antworten! 😀 Insgesamt ist „Delirium“ ein gutes Buch, das es allerdings noch nicht ganz schafft, zu zünden. Ein interessanter Einstieg in eine Trilogie, die sich hoffentlich kontinuierlich steigert.

Deswegen gibt es für „Delirium“ drei von fünf Federkielen:

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