Rezension: „Elfenmacht“ – Bernhard Hennen

Elfenmacht Cover
Elfenmacht von Bernhard Hennen

Emerelle packte die Klinge ihres Schwertes mit der behandschuhten Linken, riss die Waffe hoch, hakte die Parierstange hinter Melianders Klinge und drückte sie zur Seite, Dann versetzte sie ihm mit dem Knauf ihrer Waffe einen Stoß vor die Brust, der ihren Bruder von den Beinen riss. Sein Schwert fiel aufs Deck.

 

 

 

 

 

 

 

„Elfenmacht“ ist bereits das sechste Buch aus Bernhard Hennens „Elfen“-Reihe. Es erzählt die Geschichte von Emerelle und ihrem Bruder Meliander in jungen Jahren und bildet so die Vorgeschichte zu Hennens Meisterwerk „Die Elfen“.

Inhalt

Emerelle und ihr Bruder Meliander sind bereits seit Jahrzehnten auf dem Schiff des Sängers, einer der Alben, gefangen. Ihre Mutter Nandalee, eine Drachenelfe, hat sie dort zurückgelassen und ist seitdem spurlos verschwunden. Während Meliander überzeugt ist, sie sei inzwischen tot, umgebracht von den Drachen, die über Albenmark herrschen und Nandalee nachstellen, ist Emerelle von dem Gedanken beseelt, sie zu finden. Die Geschwister verlassen das Schiff und begeben sich auf eine gefährliche Reise in eine Welt, die ihnen kaum bekannt ist. Dabei werden sie bereits nach kurzer Zeit getrennt und kämpfen sich, jeder auf seine Weise, durch düstere Orte, um das Geheimnis um ihre Mutter zu lüften.

Meine Meinung

Plot und Erzähltechnik: Es ist eigentlich ganz einfach: Hennen kann schreiben! Und zwar ziiiiiemlich gut. Er reißt einen sofort mit in die Geschichte und lässt detaillierte Bilder vor dem inneren Auge entstehen – besser als Kino.

„Elfenmacht“ wird abwechselnd aus Emerelles und Melianders Sicht erzählt, da die beiden relativ zu Anfang getrennt werden. Dabei benutzt Hennen jeweils eine personale Erzählperspektive. Der Erzähler ist also nicht allwissend, so dass man als Leser die ganze Zeit gespannt an den Fingernägeln kaut und sich fragt, was wohl der anderen Hauptfigur gerade widerfährt. Da die beiden Geschwister so unterschiedlich sind, lesen sich ihre Geschichten fast wie zwei Bücher und nicht wie eins, was den besonderen Charme der Erzählung unterstreicht. Emerelle ist impulsiv und temperamentvoll und manövriert sich ständig in neue Schwierigkeiten, vor allem nachdem sie Falrach kennengelernt hat (Hach Falrach <3 ), während man Meliander für seine Naivität manchmal eine vor den Kopf klatschen möchte. Ich weiß gar nicht, mit wem ich mehr mitgefiebert habe.

Ohne zu spoilern: Wer damit rechnet, dass das Buch als Vorgeschichte von „Die Elfen“ mit Emerelles Krönung endet, liegt falsch. Viel mehr lässt das Ende vermuten, dass es noch einen weiteren Band geben könnte, der zeitlich zwischen „Elfenmacht“ und „Die Elfen“ liegt. Juhu!

In diesem Teil erfährt der Leser auch endlich mehr über die Albenkinder, die in den bisherigen Büchern eher vernachlässigt wurden. Unter anderem die Damien und die geflügelten Lamassu, die neben den Drachen als geschickteste Zauberweber gelten.

Wie eigentlich alle Bücher aus der „Elfen“-Reihe kann man auch „Elfenmacht“ lesen, ohne die anderen Werke zu kennen. Hier klappt es vielleicht sogar am besten, da die Geschichte um Emerelle mit diesem Buch ja im Prinzip beginnt. Leser, die aber alle anderen Teile bereits verschlungen haben, werden sich über bekannte Namen und Gesichter freuen. Ob man Vorgeschichten mag, ist natürlich sehr subjektiv. Ich persönlich finde es aber immer spannend, herauszufinden, warum Charaktere so sind, wie sie sind und auf welchen Wegen sie an ihre späteren Positionen gelangt sind.

Charaktere: Wie es sich für ein vernünftiges Epos gehört, wartet auch „Elfenmacht“ mit einem riesigen Figuren-Ensemble auf. Ich werde mich aus Platz- und Zeitgründen, und um deine Nerven nicht überzustrapazieren, hier auf die wichtigsten konzentrieren:

Zunächst natürlich Emerelle, die eingefleischte Fans bereits als die Elfenkönigin aus späteren (oder früheren) Büchern kennen. Überhaupt sind die meisten Charaktere keine unbeschriebenen Blätter mehr. Und da lag auch das Problem für mich. War Emerelle für mich immer die alles überblickende, weitsichtige und vor allem unfassbar elegante Herrscherin von Albenmark, ist sie hier eine leicht tollpatschige und weltfremde Person. Sie wird als unglaublich stur dargestellt, weiß sich nicht richtig zu kleiden, und auch ihre Zauberkräfte lassen noch zu wünschen übrig. Persönlich war ich etwas enttäuscht über diese eher kindlich wirkende Darstellung, wobei es im Kontext der Geschichte natürlich Sinn macht – immerhin ist sie hier, gemessen in Elfenjahren genau das – ein Kind.

An Meliander konnte ich mich aus früheren Büchern nur noch vage erinnern. In diesem Teil ist er vor allem eins: liebestrunken. Seine ganze Reise besteht in dem Versuch, die Elfe zu retten, in die er sich unsterblich verliebt hat. So richtig interessant wurde sein Charakter für mich erst im letzten Drittel des Buches, als ein großes Geheimnis über seine Herkunft gelüftet wird.

Endlich wird die Kennenlerngeschichte von Emerelle und Falrach, der in späteren Bänden als Ollowain „aufersteht“, erzählt. Hier lernen wir einen jungen, unbeschwerten Elfen kennen und erfahren, wie die große Liebesgeschichte ihren Anfang nahm. Auch das Falrach-Spiel hat in diesem Band eine besondere Bedeutung.

Der dunkle und geheimnisvolle Bruder von Meliander und Emerelle ist mein Lieblings-Charakter in diesem Band und ich finde es schade, dass ihm nicht mehr Zeit gewidmet wurde. Auch wenn er in der gesamten Erzählung als bösartig und „anders“ beschrieben wird, ahnt man, dass es mehr mit ihm auf sich hat. Als zum Schluss das Geheimnis um seine Geburt gelüftet wird, hat dies auch Auswirkungen auf Emerelle und Meliander. Insgesamt finde ich, dass er der vielschichtigste Charakter dieses Bandes ist.

Maylin wird zur großen Liebe Melianders und seines Bruders. Insgesamt wird sie als überaus rein und gut beschrieben. Eigenschaften, die ihr zum Verhängnis werden.

Sprache: Hennen verzaubert mich immer wieder. Jede Welt, in die er den Leser mitnimmt ist mit so viel Liebe zum Detail beschrieben, dass man sich mit Leichtigkeit hineinversetzen kann. Sprachlich gibt es nichts auszusetzen. Er bleibt seinem fantastischen Stil und der Welt, die er erschaffen hat, treu.

Fazit: Insgesamt fand ich „Elfenmacht“ etwas schwächer als dessen Vorgänger. Es fehlte mir ein wenig die Action – in diesem Band wird einfach sehr viel erzählt und die Beschreibung von Emerelle konnte ich nicht ganz mit meinem bisherigen Bild von ihr vereinen. Sieht man aber davon ab, ist hier ein weiteres Meisterwerk aus Hennens Feder geflossen, das den Leser in eine andere Welt entführt und weitere Geheimnisse um die mysteriösesten Figuren der fantastischen Welt lüftet. Wer die bisherigen Bände genauso verschlungen hat wie ich, wird auch von diesem Buch begeistert sein.

Deshalb gibt es für „Elfenmacht“ 5 von 5 Federkielen:

 

 

 

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