Warum man Literatur Klassiker lesen sollte

Als ich mich für den Studiengang „English Studies“ eingeschrieben habe, hatte ich ehrlich gesagt keine ganze genaue Vorstellung, was mich erwartet. Klar, ich würde vermutlich ein paar Kurse in Linguistik belegen müssen, aber interessiert hat mich von vorneherein eher die literarische Seite dieses Studiums. Und da erwartete ich sie … halb mit Schrecken, halb mit vorsichtiger Neugier … die Literatur Klassiker. Jene kanonischen Werke, die man entweder nur vom Hörensagen kennt oder mal bebildert im Kino betrachtet hat. Aber lesen? Neeeee, wie viel spannender ist da Harry Potter oder der neue Roman vom Fitzek? Als ich dann ins zweite Studienjahr kam, beschloss ich, dass es Zeit wurde, mich meiner Angst zu stellen. Ich fing an, Kurse bewusst so zu wählen, dass ich gezwungen war neben Shakespeare, der ja selbst dem englischscheuesten Menschen noch ein Begriff ist, Brontë, Austen und Fitzgerald zu lesen. Mit dem erstaunlichen Ergebnis, dass ich anfing diese Bücher zu lieben. Hier erfahrt ihr warum:

1.) Weil sie uns Geschichte näher bringen

Bücher erschaffen neue Welten. Diesen Spruch haben wir so oder so ähnlich alle schon einmal gehört. Aber Bücher tun nicht nur das: Sie erzählen uns auch etwas über fast vergessene, oder zumindest vergangene, Welten. Wer den Geschichtsunterricht in der Schule immer eher … semi-interessant fand, so wie ich, für den sind Bücher vielleicht eine Möglichkeit Verpasstes aufzuholen. Man braucht nämlich gar keine Geschichtsbücher, um etwas über Geschichte zu lernen. Klassiker verraten uns viel über die Zeit, in der sie geschrieben worden sind und zwar nicht nur die trockenen Fakten.

Man kann es sich vielleicht mit modernen Romanen verdeutlichen. Nehmen wir einmal das eher lockere und manchmal belächelte Genre des „Chick-Lits“. Mädchenbücher eigentlich … aber sie haben das Potential Lesern in 300 Jahren viel über die Mode des 21. Jahrhunderts zu erzählen, über die Probleme, mit denen Frauen in dieser Zeit zu kämpfen haben, über die üblichen Wohn- und Lebenssituationen (alleinerziehend, WGs etc.), die vielleicht in ein paar Jahrzehnten schon wieder völlig anders sein werden, so wie sie es zur Zeit der Brontë-Schwestern auch waren. Sie bewahren ein Stück der momentanen Populär-Kultur. Genau das leisten zum Beispiel auch Bücher von Jane Austen – Chick-Lit Romane des 19. Jahrhunderts. 🙂

1920s Mann - Beitrag Literatur KlassikerEin weiteres Beispiel sind Romane von F. Scott Fitzgerald. Allen voran natürlich sein viel gefeierter  „The Great Gatsby“. Statt der englischen wird dem Leser hier ein Stück amerikanischer Geschichte näher gebracht. Aber anstelle von schnöden Fakten, erlebt der Leser die Geschichte. Man kann sich in die oberflächliche Spaßgesellschaft hineinfühlen, die die Oberschicht Amerikas in dieser Zeit darstellte. Die ausufernden Feiern der „Roaring Twenties“ kurz vor dem Börsencrash, aber auch die Erkenntnis, dass der „American Dream“ seine Limitationen hat. Statt Jahreszahlen und Daten auswendig zu lernen, bekommt man ein Gefühl für die Zeit und die Probleme, die sie mit sich brachte.

2.) Weil sie moderner sind, als man denkt

Wenn man an Literatur Klassiker denkt, huschen einem Bilder von verstaubten Buchrücken und altertümlicher Schrift auf dem Cover vor dem inneren Auge vorbei. Dementsprechend denkt man, auch der Inhalt sei staubig und alt … klassisch eben. Das Gegenteil ist aber oft der Fall. Viele der erzählten Geschichte haben einen geradezu zeitlosen Charakter, was besonders dann auffällt, wenn man sich anschaut wie häufig die Erzählungen bis heute adaptiert werden. Besonders oft werden sie dazu heutzutage in audiovisuelle Formate übertragen. Wenn dabei auch der Titel übernommen wird, ist es natürlich leicht zu erkennen, aber wusstet ihr zum Beispiel, dass „Bridget Jones“ auf Jane Austens „Pride and Prejudice“ basiert? Die Adaption reicht sogar bis hinein in die Namensgebung des männlichen Hauptcharakters: Mr. Darcy. Das Sequel orientiert sich ebenfalls an einem Austen-Roman, nämlich „Persuasion“.

Eine ganze Myriade von Adaptionen gibt es auch zu dem Klassiker von Daniel Defoe, „Robinson Crusoe“, der unter manchen Theoretikern als der Robinson Crusoe - Beitrag Literatur Klassikererste englische Roman gilt. Da es eine solche Vielzahl von, an diesen Roman angelehnten, Formaten gibt, werden sie zusammenfassend auch als „Robinsonades“ bezeichnet. Moderne Beispiele sind „Cast Away“ und die TV-Serie „Lost“.

3.) Weil sie einfach gut sind!

Es ist nicht ganz unbegründet, dass es manche Werke bis zum Status des Klassikers geschafft haben, während andere einfach in der Versenkung verschwunden sind. Natürlich sind Verallgemeinerungen immer gefährlich und Geschmack, gerade im Bezug auf Literatur, ist sehr subjektiv. Daher will ich auch hier keine Empfehlungen aussprechen. Nur so viel: Es gibt für fast jedes Genre einen großartigen Klassiker, der es verdient, gelesen zu werden. Jane Austen habe ich ja nun schon mehrmals erwähnt, aber wie wäre es für Gruselfans zum Beispiel mit einer klassischen Gothik-Story, die das Gruselelement und das Unheimliche salonfähig machte? Als erster englischer Vertreter dieser Kategorie gilt „The Castle of Otranto“ von Horace Walpole, das bereits 1764 erschienen ist.

Und auch wenn die Sprache vielleicht an manchen Stellen gewöhnungsbedürftig ist, so haben wir den Klassikern einige wunderbare Zitate zu verdanken, die einfach schön von der Zunge rollen und herrlich poetisch klingen. Für mich persönlich wird eines der herausragendsten immer der letzte Satz aus „The Great Gatsby“ bleiben, der in Teilen sogar den Grabstein von Fitzgerald ziert:

Gatsby believed in the green light, the orgastic future that year by year recedes before us. It eluded us then, but that’s no matter—tomorrow we will run faster, stretch out our arms farther. . . . And then one fine morning—
So we beat on, boats against the current, borne back ceaselessly into the past.

Hach …. 🙂

Habt ihr auch Klassiker, die euch ans Herz gewachsen sind? Oder ist diese Art Roman nichts für euch? Lasst es mich in den Kommentaren wissen!

 

2 Kommentare

  1. Ich hab beim Lesen deines Artikels gerade gemerkt, dass ich bei den Englischen Klassikern noch diverse Lücken habe. Deswegen kann ich meinen Senf nur zu den Deutschen Klassikern geben. Da habe ich einige Lieblinge; hauptsächlich aus der Romantik und Sturm und Drang-Epoche. Zum Beispiel aus dem Leben eines Taugenichts oder E.T.A. Hoffmann mit seinen Gruselmärchen und natürlich auch Die Leiden des jungen Werthers *hüstel*
    Die Englische Geschichte kenn ich dafür besser aus historischen Romanen, allen voran Rebecca Gablé, meine Lieblingsautorin aus dem deutschsprachigen Raum 😀

    1. Dafür habe ich, denke ich, noch Nachholbedarf was die deutschen Klassiker angeht. Die Titel kennt man, aber ich muss mich da mal durchwühlen 🙂

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