Die 5 häufigsten Stilfehler

Manuskript auf Stilfehler prüfen

Wenn ich einen Text lektoriere, für Kollegen und Freunde kontrolliere, oder manchmal leider auch, wenn ich privat Bücher lese, fallen mir häufig stilistische Fehler auf, die sich immer und immer wiederholen. Das ist nicht nur ärgerlich für den Autoren, der sein Manuskript noch einmal überarbeiten muss, sondern insbesondere auch für den Leser. Manche, besonders Stil-Kuriositäten mindern nämlich schlichtweg das Lesevergnügen. Auch wenn es auf den ersten Blick eine Kleinigkeit sein mag. Deshalb möchte ich euch heute ein paar Tipps an die Hand geben, damit ihr die Fehler im besten Fall von Anfang an vermeiden könnt, oder aber im Stande seid, euer Manuskript entsprechend zu verbessern und aufzupolieren. Ich hoffe, es hilft euch!

1. Selbstagierende Körperteile

Hier haben wir wohl einen der beliebtesten und irgendwie auch lustigsten Schreibfehler, die mir immer wieder begegnen. Da sind die Augen, die über Wände und Türen hüpfen; Hände, die suchend umherwandern und Stimmen, die gottgleich aus dem Nichts erschallen. An manchen Stellen kann solch eine Formulierung natürlich ausnahmsweise einmal sinnvoll sein. Insbesondere die körperlose Stimme kommt häufig zum Einsatz, wenn Figuren in der Geschichte im Koma liegen oder träumen und das ist auch in Ordnung – aber dabei sollte es dann auch bleiben. Augen können nicht hüpfen und Füße können nicht tanzen – zumindest nicht alleine. Meist hängt ja noch ein Körper dran. Hier ein Beispiel:

Ben trat vorsichtig hinter sie. Er strich Anna das Haar aus dem Nacken. Langsam fielen seine Hände auf ihre Schultern.

Welches Bild habt ihr vor Augen? Wenn ihr genau lest, klingt es doch, als bräuchte Ben dringend ärztlichen Beistand. Seine Hände sind ihm von den Armen gefallen! Ganz anders so:

Ben trat vorsichtig hinter sie. Mit einer sanften Bewegung strich er Anna das Haar aus dem Nacken und ließ seine Hände behutsam auf ihren Schultern verweilen.

Jetzt merkt der Leser, dass an den Händen auch noch ein Körper hängt. Der Arzt kann Zuhause bleiben.

2. Inflationärer Einsatz von Sprecherverben

Sprecherverben sind wichtig und unabkömmlich in jedem prosaischen Text. Es sind die kleinen Wörtchen wie „sagte“ oder „fragte“, die eine wörtliche Rede ein- oder ausleiten. Hin und wieder kommt es jedoch vor, dass ein Text geradezu mit ihnen überladen ist. Und nicht nur mit den, ich nenne sie mal, „konservativen“ Formen. Da kommen dann so exotische Sprecherverben wie „wissen“, „grunzen“, „maulen“ usw. zum Einsatz. An einzelnen passenden Stellen eingebaut, können diese Sprecherverben dazu beitragen, einen Text lebendig wirken zu lassen. Werden sie jedoch auf den Text gegossen, wie Soße auf den Sonntagsbraten, wirkt es schnell befremdlich.

Ein Beispiel:

„Lass uns doch später ins Kino gehen“, schlägt Jan vor

„Heute läuft aber nichts Gutes“, weiß Lisa.

„Nur weil du wieder irgendeine Weiber-Klamotte sehen willst“, protestiert Jan.

Lisa meint eingeschnappt: „Du musst ja nicht mit mir gehen, wenn du nicht willst.“

Der Leser weiß nach einem oder zwei Sprecherverben am Anfang des Dialogs wer spricht und meistens auch wie (nervös, wütend, ängstlich). Ihr braucht nicht nach jedem Satz eine Erklärung abzugeben. Das behindert eher den Lesefluss. Versucht stattdessen lieber, die Situation oder Gedanken eurer Figuren zu beschreiben und so deutlich zu machen, wie sie sich fühlen und dementsprechend auch reden:

„Lass uns doch später ins Kino gehen“, schlägt Jan vor.

Lisa zögert kurz. Ihr ist schon klar, dass diese einfache Frage wieder in einer Diskussion enden wird.

„Heute läuft aber nichts Gutes.“

„Nur weil du wieder irgendeine Weiber-Klamotte sehen willst.“ Jan presst die Lippen zu einem dünnen Schlitz zusammen und verdreht die Augen.

„Du musst ja nicht mit mir gehen, wenn du nicht willst.“

Nur ein Sprecherverb, und trotzdem wird deutlich, wer wann spricht und auch in welcher Situation sich Lisa und Jan befinden.

3. Bleibt kohärent

Obwohl in Deutschland schon recht viel durch ein striktes Regelwerk festgelegt ist; manchmal habt ihr ein paar Freiheiten, was die Gestaltung eures Textes angeht. Das beginnt natürlich bei der Erzählperspektive. Wollt ihr einen auktorialen, allwissenden Erzähler oder berichtet ihr lieber aus der Perspektive des Haupt- oder auch Nebencharakters? Es gibt keine Variante, die per se besser ist, sondern kommt darauf an, worauf ihr euren Fokus legen wollt. Wollt ihr das Innenleben des Protagonisten besonders betonen oder vielleicht eine verschachtelte Episoden-Geschichte erzählen?

Als nächstes müsst ihr euch für eine Zeitform entscheiden, in der ihr schreiben wollt. Üblich ist hier das Präteritum, aber es spricht natürlich auch nichts dagegen im Präsens zu schreiben.

Und dann sind da noch so Kleinigkeiten wie die Entscheidung zwischen Auslassungspunkten und Gedankenstrichen. Beispielsweise, wenn einer Figur ins Wort gefallen wird oder sie gedanklich abschweift …

Wirklich wichtig ist nur eins: Entscheidet euch am Anfang für eine Form und bleibt dann dabei! Es gibt nichts Verwirrendes als plötzliche Zeitformsprünge oder einen Protagonisten, der aus der Ich-Perspektive berichtet und plötzlich, wie durch göttliche Eingebung, weiß was am anderen Ende der Stadt vor sich geht, ohne dass er dabei ist.

4. Die richtige Sprache

Natürlich rede ich hier nicht von Sprachen wie Englisch oder Deutsch. Vielleicht wäre „Der richtige Ton“ passender. Das was eure Figuren tun und vor allem auch sagen, muss natürlich zur Erzählung und zur Zielgruppe passen.  Wenn ihr beispielsweise ein Buch schreibt, das im Hier und Heute spielt und auf Jugendliche abzielt, dann bemüht euch, die moderne Alltagssprache zu verwenden. Vor allem auch in der wörtlichen Rede. Das kann anstrengend sein, denn eigentlich haben wir ja alle brav gelernt, ja nicht so zu schreiben, wie wir sprechen, sondern stilistisch und orthographisch korrekt. Das lässt eure Story aber gegebenenfalls abstrakt wirken und ihr wollt doch, dass man sich mit den Figuren identifizieren kann. Was mir da immer hilft und eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein sollte: Hört euren Freunden zu! Wie reden sie? Welche Wörter benutzen sie häufig und wann? Was auch helfen kann, ist ein Blick in das urban dictionary oder das Lexikon der Jugendsprache.

Umgekehrt gilt natürlich, wenn ihr einen Fantasyroman schreibt, könnt ihr keine Begriffe wie „Arschkarte“ verwenden. Dieses Wort stammt nämlich aus der Zeit des schwarz-weiß Fernsehens in Verbindung mit Fußball. Da der Zuschauer vor dem Bildschirm damals nicht an der Farbe erkennen konnte, ob der Schiri eine rote oder gelbe Karte zieht, hatte selbiger die weniger dramatische gelbe Karte in der Brusttasche und die rote in der hinteren Hosentasche … die Arschkarte eben. Diese Wortentwicklung dürfte es dementsprechend in einem alternativen Universum nicht in der Art gegeben haben. Es wirkt also unpassend. Falls ihr euch unsicher seid, woher ein Wort kommt, schaut doch mal auf www.etymologie.info vorbei.

5. Beschreibt statt zu diktieren oder auch „Show, don’t tell“

Es ist eine der ausgelutschtesten Regeln wenn es ums Schreiben geht, aber auch eine der Wichtigsten. Und sie ist verdammt schwierig, konsequent umzusetzen. Auch ich ertappe mich immer wieder dabei, dass ich meinem Leser lieber diktiere, was er zu fühlen und zu denken hat, statt genau diese Emotionen durch Beschreibungen hervorzurufen. Es ist aber auch zu leicht:

Thomas hatte Angst, als er an die bevorstehende Prüfung dachte.

Oder auch:

Katharina war eine wunderschöne Frau.

Ist ja so erst einmal nicht falsch. Aber es sagt auch ungefähr nichts aus. Der Leser überfliegt den Satz, nimmt ihn halbwegs auf und weiter geht’s. Keine Emotionen, ergo kein Mitgefühl. Wie wäre es stattdessen so:

Der Gedanke an die bevorstehende Prüfung schoss Thomas durch den Kopf wie ein Peitschenhieb. Er bekam schwitzige Hände. Sein Puls schnellte in die Höhe und pochte laut in seinen Ohren.

Oder:

Katharina stolzierte auf ihren langen Beinen heran. Ihre Haut war ein bisschen zu blass, um wirklich gesund auszusehen, aber sie brachte ihre vollen roten Lippen nur noch mehr zur Geltung. Die blonden Haare fielen als seidiger Vorhang auf ihr Schlüsselbein.

Überlasst es dem Leser, ob er Katharina nun schön oder zu püppchenhaft findet.

Bei aller Relevanz, die diese Regel natürlich hat, gilt wie immer: Auch hier gibt es Ausnahmen. Ihr müsst nicht jedes kleine Detail genauestens ausarbeiten und manchmal kann es auch interessant sein, die Welt aus den Augen des Protagonisten zu sehen; besonders wenn ihr aus der Ich-Perspektive erzählt. Versucht insgesamt eine gute Mischung zu erzeugen, so dass sich der Leser in die Figur hineinversetzen kann, aber nicht durch lange Beschreibungen gelangweilt wird.

So, das waren sie auch schon; die häufigsten Stilfehler, die mir so auffallen. Weil, ich weiß, dass es schwierig ist, alles immer im Blick zu behalten, gerade wenn man mitten im Schreibprozess ist, habe ich euch hier eine kurze Checkliste zur Verfügung gestellt, die ihr ausdrucken und an den Kühlschrank, PC oder Badezimmerspiegel heften könnt. Wenn ihr dann soweit seid, werft einfach mal einen Blick darauf und geht die Punkte durch. Ist es nicht auch einfach schön, etwas guten Gewissens abhaken zu können?

 

 

 

4 Kommentare

  1. Schreiben, vor allem im Kopf des Lesers Bilder entstehen zu lassen ist eine Kunst. Der Artikel bringt häufige Fehler auf den Punkt. Ich musste an einigen Stellen schmunzeln…

  2. Thanks, great article.

    1. Glad you liked it!

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