Buchrezension – Der Clan der Otori: Das Schwert in der Stille

Meine Mutter drohte oft, mich in acht Stücke zu reißen, wenn ich den Wassereimer umstieß oder vorgab, ihren Ruf nicht zu hören, während die Dämmerung dichter wurde und die Zikaden lauter schrillten. Dann hörte ich ihre Stimme, die rau und heftig durch das einsame Tal schallte. >>Wo ist dieser schreckliche Junge? Den zerreiße ich, wenn er zurückkommt.<<

Aber wenn ich dann zurückkam, schmutzig vom Hangrutschen, grün und blau geschlagen von Raufereien und einmal mit einer blutbespritzten Kopfwunde (ich habe immer noch die Narbe, wie ein versilberter Daumennagel), dann warteten auf mich das Feuer, der Duft der Suppe und die Arme meiner Mutter.  (Lian Hearn, „Das Schwert in der Stille“)

„Das Schwert in der Stille“ (OT: Across the Nightingale Floor) ist der erste Band aus der „Der Clan der Otori“-Reihe von Autorin Gillian Rubinstein, die sie unter dem Pseudonym Lian Hearn veröffentlicht hat.

Inhalt:

„Der Clan der Otori“ spielt in einer fiktionalen Welt, die an das Japan der vergangenen Jahrhunderte angelehnt ist. Der Protagonist Tomasu wächst wohlbehütet in einem Dorf tief in den Bergen auf. Als seine Familie von einem grausamen Kriegsherrn getötet und Tomasu nur im letzten Moment von dem Adeligen Otori Shigeru gerettet werden kann, beginnt für ihn eine lange Reise. Shigeru erklärt ihm, dass ‚die Verborgenen‘, zu denen auch Tomasu und seine Familie gehörten, überall im Land verfolgt werden. Nachdem Tomasu sein Leben gerettet hat, adoptiert Shigeru den Jungen und benennt ihn nach seinem verstorbenen Bruder Takeo. Takeo lernt nun die Etikette der Clans kennen; aber auch lesen, schreiben und natürlich kämpfen. Nebenbei entdeckt er seine anderen Talente – Fähigkeiten magischer Natur. Immer tiefer gerät er in eine Welt aus Verrat, Intrigen und Attentaten. Den strengen Regeln des Clan-Systems unterworfen steuern Shigeru und sein Adoptivsohn auf eine Katastrophe zu. Wird Takeo sie verhindern können?

Meine Meinung:

Plot: Der Leser wird direkt mitten in die Erzählung geworfen. Es gibt keine lange gezogene Anfangssequenz oder Stellen im Buch, die sich wie Kaugummi ziehen. Stattdessen habe ich mir hin und wieder die Fingernägel herunter gekaut, wenn Takeo durch die finstere Nacht schleicht, um einen Attentäter zu stellen. Gleichzeitig erfährt man mit viel Liebe zum Detail was es bedeutet in der von Hearn geschaffenen Welt zu Leben. Die strengen Regeln der Clans, sein eigenes Glück zurückstellen zu müssen. Die Erzählung schreitet genau richtig voran – nicht zu langsam, nicht zu schnell.

Sprache: Lian Hearn benutzt Sprache und Satzbau, die der fiktiven altertümlichen Welt sehr gut angepasst ist. Sie wirkt antik aber nicht verstaubt, sondern im Gegenteil verzaubert den Leser und trägt dazu bei, dass er sich noch besser in die Welt des Buches hineinversetzen kann.

Charaktere: Die Charaktere des Romans sind äußerst dynamisch. Allen voraus die Protagonisten Takeo und Kaede. Als Leser wohnt man ihrer Entwicklung von Kindern zu Erwachsenen bei und damit auch der Veränderung ihrer Einstellung zu Klasse, Krieg, Verantwortung und Liebe. Aus verängstigten Kindern werden furchtlose Herrscher. Keiner der Charaktere, und sei er noch so nebensächlich, wirkt unglaubwürdig oder fiktiv.

Fazit: Ein fulminanter Anfang für eine bombastische Buchreihe. „Das Schwert in der Stille“ lässt einen mit zauberhafter Bildsprache und tiefgründigen Charakteren mühelos in die Welt eines feudalen Japans eintauchen.Genau so sollte ein Fantasybuch sein: Mitreißend, spannend bis zur letzten Sekunde und dabei einen Hauch von Magie versprühend. Aber dieses Buch schafft noch mehr: Es integriert Romantik in den Plot und zwar auf eine Art und Weise, die weder kitschig noch vorhersehbar ist.

„Das Schwert in der Stille“ macht Lust auf mehr und ist durch und durch eine klare Empfehlung.

Deshalb gibt es 5 von 5 Federkielen:

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